© Delete (CC BY-NC 2.0)
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Graffiti als Kunstform hat eine lange Tradition. Leider kommt es durch illegale Graffiti immer wieder zu Sachbeschädigungen an öffentlichen und privaten Gebäuden. Die bisherige Verbotsstrategie hat jedoch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Die Städte Bochum und Halle zeigen, dass es auch anders geht. Anstatt Graffiti-Künstler weiter einzuengen, haben sie Freiflächen geschaffen – und nutzen zugleich das positive Image von Graffiti bei jungen Leuten für ihre eigenen Ziele.

Zweifellos wird die Anzahl der illegalen Graffiti durch die Schaffung von Freiflächen nicht auf null sinken, weil die Motivationen der Sprayer dafür viel zu unterschiedlich sind“, so Felix Kopinski, Stadtverordneter der Piratengruppe im Rat der Stadt Bonn. „Es wird immer Leute geben, die den ‚Kick‘ des Verbotenen suchen. Allerdings würden ‚Halls of Fame‘ denjenigen Sprayern eine Möglichkeit geben, die Graffiti als Mittel zur persönlichen Entfaltung und (politischen) Meinungsäußerung sehen oder einfach nur Spaß an dieser besonderen Kunstform haben.“

Die Praxis, sich mit eigenen Namen, Zeichnungen und Motiven im öffentlichen Raum zu verewigen, reicht von den alten Ägyptern über die Römer und Wikinger bis in die Gegenwart hinein. Das Graffiti-Writing, so wie wir es heute als Kunstform kennen, ist in New York der 1960er Jahre entstanden und verbreitete sich anschließend schnell über den amerikanischen und europäischen Kontinent. Mittlerweile gehören Graffiti fest zum Stadtbild westlicher (Groß-)Städte. Zahlreiche Künstler nutzen den öffentlichen Raum, um ihre Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Es ist unbestritten, dass es durch illegale Graffiti immer wieder zu Sachbeschädigungen an der öffentlichen Infrastruktur (z. B. Brücken und Unterführungen) sowie öffentlichen und privaten Gebäuden kommt. Es ist allerdings für jeden offensichtlich, der durch deutsche und europäische Städte spaziert, radelt oder fährt, dass bisherige Verbotsstrategie vieler Stadtverwaltungen nicht zu weniger illegalen Graffiti geführt hat und somit gescheitert ist.

Inzwischen gibt es jedoch viele Städte im In- und Ausland, die einen anderen Ansatz gewählt haben, um die Anzahl von illegalen Graffiti zu verringern. Bochum war eine der ersten Großstädte in Deutschland, die sich dazu entschlossen hat, Graffiti-Künstlern mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu geben, anstatt sie durch zusätzliche Verbote und eine härteren Strafverfolgung weiter einzuengen. Mittlerweile gibt es dort mehr als 20 städtische Flächen, an denen das Sprühen ausdrücklich erlaubt ist. Der Vorstoß der Ruhrmetropole wurde belohnt, denn in den folgenden Monaten und Jahren verringerte sich sukzessive die Anzahl der illegalen Graffiti. In der Antwort auf eine Anfrage kam die Bochumer Stadtverwaltung sogar zu dem Fazit: „Je mehr Freiflächen zur Verfügung stehen, umso größer ist der Rückgang der illegalen Graffiti.“ Gleichzeitig setzt Bochum sehr erfolgreich das – insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – positive Image von Graffiti ein, indem die Kunstform in die Sozialarbeit von Streetworkern, Jugendzentren, Sportvereinen und Schulen eingebunden wird.

Auch in anderen Städten macht man sich die positiven Effekte von Graffiti zunutze. Im „Problembezirk“ Halle-Freiimfelde wurde das Projekt „Freiraumgalerie“ von Hendryk von Busse ins Leben gerufen, das zugleich Kunst- und Stadtentwicklungsprojekt ist. In dem Bezirk wurden viele Fassaden von leerstehenden Häusern und Hallen als Graffiti-Freiflächen ausgewiesen, um somit das Viertel attraktiver für junge Leute und Studenten zu machen. Nachdem viele der grauen Wände bemalt wurden, wandelte sich das negative Image des Stadtteils und die teilweise riesigen Graffiti sind zum Magneten für Künstler und Touristen aus Deutschland und ganz Europa geworden.

Aus diesen Gründen würde die Piratengruppe im Rat der Stadt Bonn die Schaffung von städtischen Graffiti-Freiflächen begrüßen.

http://www2.bonn.de/bo_ris/daten/o/pdf/16/1610666.pdf

Update: Die Prüfung der Verwaltung hat ergeben, dass die Stadt von 2004 bis 2015 rund 600.000 Euro und die SWB ca. 800.000 Euro von 2013 bis 2015 für die Beseitigung von illegalen Graffiti aufwenden musste. Die Aufklärungsquote von Sachbeschädigungen durch illegale Graffiti sank von rund 21 Prozent in 2011 auf unter sieben Prozent in 2015. Trotz der hohen Reinigungskosten und der niedrigen Aufklärungsquote halten die zuständigen Behörden an ihrer Verbotsstrategie fest, die offensichtlich nur wenige Erfolge bringt. Die Stadt wird KünstlerInnen auch zukünftig keine Freiflächen zur Verfügung stellen, da dies von der Ordnungspartnerschaft „Gemeinsam gegen Graffiti“, an der sich die SWB, die Polizei, die Interessengemeinschaft Haus & Grund sowie die Stadt Bonn beteiligen, leider nicht für sinnvoll erachtet wird.

http://www2.bonn.de/bo_ris/daten/o/pdf/16/1610666ST2.pdf

Graffiti im öffentlichen Raum – Bonn braucht Freiflächen
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