In Estland ist Internet ein Recht für jeden Bürger. Eigentlich ist es eine schöne Vision, wenn Bonn am Rhein, fast so maritim wie das Ostsee-Anrainerland Estland, ebenso gut vernetzt wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Bonner Netzaktivisten sind traurig, dass die Telekom, eine unserer Vorzeigefirmen, Bonn nicht zu einer Modellstadt für echtes freies Internet ausbauen will. Die Piraten sind neu im Stadtrat und haben seit Oktober einen eigenen Freifunk-Node – es ist so einfach, noch mehr sollen mitmachen.

Rhein im Nebel mit Schiff

Julia Seeliger von den Piraten findet, dass es eigentlich von selbst gehen könnte, doch irgendwas hakt. „Deswegen machen wir es nun selbst,“ so die Piraten-Geschäftsführerin und Internetaktivistin, „wir werden politische Initiativen starten und die von anderen unterstützen. Vor allem aber werden wir selbst anpacken, damit Bonn endlich alle seine Möglichkeiten ausschöpft.“

Der Freifunk-Frühling startet mit einer Kampagne, bei der Piraten und Bürgerbund Bonn (BBB) mithilfe von Freifunk Köln-Bonn alle Bürger und Gewerbetreibende in der Innenstadt vom Konzept und den Vorteilen des Bürgernetzes begeistern wollen. Johannes Schott vom BBB hat 2006 den ersten Freifunk-Antrag (Hier die damalige Antwort der Verwaltung) in Bonn überhaupt gestellt und kommentiert den traurigen Status Quo:

„Es ist bedauerlich, dass unsere öffentlichen Plätze, der Busbahnhof und die Haltestellen am Friedensplatz und am Bertha-von-Suttner-Platz nach wie vor mit keinem wirklich offenen W-LAN-Netz ausgestattet sind. Bonn möchte eine internationale Kongressstadt sein und verhält sich bei diesem wichtigen Thema provinziell. Wenn wir die städtische Infrastruktur gut nutzen würden, wäre ein einfacher und günstiger Ausbau eines offenen W-LAN-Netzes im Bonner Stadtzentrum möglich. Die Innenstadt würde hierdurch an Attraktivität gewinnen.“

Die Gruppe appelliert außerdem an die Bundespolitiker Bonns, insbesondere an Ulrich Kelber (SPD), der Experte bei Computerthemen ist und an Katja Dörner (Bündnis 90/Die Grünen), die in ihrem Büro einen Freifunk-Zugangspunkt betreibt, den Gesetzentwurf zur Störerhaftung engagiert zu bekämpfen und aktiv zu seiner Verhinderung beizutragen. Denn die Bundesregierung arbeitet gerade an einem Gesetzentwurf, der das Gegenteil von dem bewirken wird, was die Regierung behauptet.

Simon Müller, ein Freifunker aus Bonn, hat sich den Gesetzentwurf genauer angeschaut: „Die Große Koalition tut so, als würde das neue Gesetz ermöglichen, dass es so richtig los geht mit freien Netzen in unserem Land. Das Gegenteil ist der Fall: die Störerhaftung für Bürger wird durch zusätzliche Auflagen weiter zementiert und damit auch dem Freifunk-Netzwerk die Arbeit erschwert. Insgesamt sind von den geschätzten 15.000 offenen und freien W-LANs in Deutschland über 11.000 Freifunk-Nodes – mehr als 73 Prozent. Wir wollen die Verbreitung von freien und offenen Netzen unterstützen und nicht durch unsinnige Verschärfungen der Störerhaftung gefährden.“

In Bonn ist vor allem die Altstadt voll mit Freifunk-Zugangspunkten, in der Innenstadt sind, seitdem die Piraten im Oktober ihr Büro eröffneten und Freifunk in Bonn näher zu beobachten begannen, einige hinzu gekommen. Während im Oktober nur das Ratsbüro der Piraten und die Bäckerei Kamps dabei waren, kann man auf der Karte von Freifunk Köln-Bonn live beobachten, wie die Vernetzung der Innenstadt zunimmt.

Diese Entwicklung soll nun weiter beschleunigt werden. Für wenig Geld haben die Piraten Router gekauft, die sie Freifunk-freundlichen Bürgern und Gewerbetreibenden in der Bonner Innenstadt zur Verfügung stellen wollen. Martin Knoop, kommunalpolitischer Sprecher der Piraten, hat das Flashen von Routern selbst ausprobiert, es gehe blitzschnell und sehr einfach. „Das kann jeder, wenn er sich nur traut. Jeder kann die Lage verbessern, indem er aktiv wird und das Freifunknetz erweitert.“, ist Knoop überzeugt. „Besonders würde es uns freuen, wenn möglichst viele Bürger ihre Freifunk-Freundlichkeit auch im Bekanntenkreis weitertragen würden, an sich wäre es aber schon ein toller Erfolg, wenn bald die ganze Innenstadt mit freiem W-LAN vernetzt ist.“ Knoop verweist noch darauf, dass die Piraten am Mittwoch, den 1. April um 19:30 Uhr im ‚Planet Hellas‘ (Poppelsdorf), einen Themenabend Freifunk durchführen.

Flankierend dazu gibt es weiterhin interessante Initiativen der Partei die Linke, die nun nach zwei Jahren geduldiger und fachkundiger Anfragen einen Antrag für den Wirtschaftsausschuss laufen hat, der die Verfreifunkung öffentlicher Gebäude in Bonn fordert. Hier kann Berlin als gutes Vorbild dienen, es ist gelungen, auf zahlreichen der öffentlichen Gebäuden Freifunk zu installieren – es funktioniert, und erfreulicherweise zeigt sich die IT-Abteilung der Bonner Verwaltung offen für das Thema, auch wenn natürlich die Vernetzung in Bonn noch nicht so weit ist wie in der Vorbildstadt Berlin.

Doch man muss nicht so weit in den Osten, nach Estland oder Berlin, schauen, um Vorbilder zu finden. Arnsberg, Paderborn und Aachen sind Beispiele aus NRW. Wenn Bonn mitzieht, das nutzt nicht nur dem Tourismus, sondern erhöht die Lebensqualität für alle.

Themenabend Freifunk: Mittwoch, den 1. April um 19:30 Uhr im ‚Planet Hellas‘ (Poppelsdorf)


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Freifunk – Freies Bürgernetz für alle, auch in Bonn!
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